Über «Les Frères Babst, Charretiers»

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Pressestimmen

JUDITH WALDNER

Les Frères Babst, Charretiers

Industrielle Holzfallmethoden im nördlichen Europa, in den Tropen oder in der Schweiz – hier ein Film über die Arbeit von drei Brüdern, die in althergebrachter Manier Bäume fällen und die Stämme mit Pferden und Schlitten transportieren. 

Eine filmische Beschwörung der "guten alten Zeit" etwa? Keineswegs, damit hat die Regisseurin überhaupt nichts am Hut. Sie hat die Arbeit der Brüder Babst in Bilder gefasst, die jegliche Romantisierung vermeiden. "Les Frères Babst" ist einer von insgesamt sieben Kurzfilmen, in denen Jacqueline Veuve, ein Holzhandwerk porträtiert. 

Herbstwald, an einem steilen Hang wird mit der Motorsäge eine tiefe Kerbe in einen Baum gesägt, dann zwei Metallpflöcke soweit in die entstandene Spalte getrieben, bis der Stamm bricht und der Baum krachend zu Boden fällt: Jacques, Romain und Maurice Babst an der Arbeit. Hauptberuflich sind die Babsts Bauern. Im Spätherbst und Winter, wenn Zeit übrig bleibt, schlagen sie im Auftrag der Gemeinde und von Privaten Bäume. Nebenher, so ist im Off-Kommentar zu erfahren, steilen sie nötiges Gerät wie beispielsweise Metallketten selber her.

Informativ, pfiffig und gewitzt sind die Kommentare der Brüder. Nie ausufernd, wohl manchmal ein wenig flunkernd, reden sie über ihre Arbeit, auftretende Probleme und sprechen kurz über ihre familiären Lebensumstände. Im Film, der ohne Musik auskommt, sind ihre Worte (neben Originalton Geräuschen von fallenden Bäumen oder Gespräche untereinander) immer wieder im Off zu hören.

Der Film begleitet die Babsts, zeigt ihre Arbeit in einprägsamen, geschickt montierten Bildern. Arbeitsvorgange werden dokumentiert, allerdings nicht nur - vielmehr wird auch eine Arbeitsweise dargestellt. Entfremdung, dieser vielgehörte Begriff, ist hier nicht zu spüren. Die Babsts arbeiten gemeinsam und führen, im Rhythmus der Natur, vollständige Arbeitsvorgänge aus. Durch einfache Bilder wird das Eingebundensein in einen ökologischen Kreislauf impliziert, etwa wenn die Brüder in die Höhe steigen, die geschlagenen Stämme zu holen: Von der in der Totalen aufgenommenen Landschaft schwenkt die Kamera über die Baumwipfel herab langsam zu Boden. Die Babsts und ihre Pferde kommen ins Bild, klein, wie ein eingebettetes Teilstück einer fast schon kosmischen Ansicht. So kommen sie durch den Schnee gestampft in ihren Helly-Hansen-Jacken, den schwarzen Hüten über den bärtigen Gesichtern, kommen immer näher und ... gehen vorbei. Die Kamera findet sich da, wo ein Spaziergänger die Gruppe auf sich zukommen sehen könnte, am Wegrand stehenbliebe sie vorbeizulassen und ihnen dann nachblickte. Die meisterhafte Umsetzung des Inhaltes (einer nicht-entfremdeten, ins ökologische Gleichgewicht eingebundene Arbeit) auf die filmisch-formale Ebene (eine nicht-entfremdete, eingebundene Zuschauerposition sozusagen) macht den Film zu einem kleinen Kunstwerk.

Ob die Babsts beim Bäume fällen, beim Aufladen der Stämme auf die Schlitten oder bei Arbeiten in ihrer Schmiede-Werkstatt gezeigt werden, nie wirken die Szenen inszeniert. Nichts wird mit ethnologischem Blick betrachtet, nie hat man das Gefühl, eine museale Tätigkeit vorgeführt zu bekommen.

Am Schluss des Films werden die Stämme mit dem Schlitten talwärts transportiert. Der Kameramann (Hugues Ryffel) sitzt mit auf dem Schlitten, der Wind pfeift, die Kälte wird geradezu spürbar - beim Betrachten dieser Fahrt, diesem optischen Mitfahren, kann man dem Winter wahrlich etwas abgewinnen.

"Les Frères Babst, Charretiers", ist ein wunderbarer, kleiner Dokumentarfilm über eine vorindustrielle Arbeitsweise. Ein Film über ein Handwerk, ,das vielleicht letztlich doch nicht ganz ausstirbt, sind doch vermehrt Bestrebungen im Gange, im Sinn der Schonung des ökologischen Gleichgewichtes nicht den hintersten Flecken durch ausgebaute Strassen zugänglich zu machen. 

Aus: Zoom (Zürich) 3/1990, p.28s.

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