Über «Armand Rouiller»

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    Peter F. Stucki (Zoom 3/88)

 

 


Pressestimmen

Peter F. Stucki

Armand Rouiller


Das Stichwort "Holz" lässt uns vielleicht an geblumte "Trögli", ans Waldsterben oder einen Slogan denken, der vor zehn Jahren tausendfach auf Heckscheiben und Kotflügeln spazierengeführt wurde: "Holz ist heimelig", aber...

Jacqueline Veuve, Regisseurin so bedeutender Filme wie "Panier à viande" (Co-Regie Yves Yersin), "La mort du grand-père" oder "Parti sans laisser d'adresse" hat, in Zusammenarbeit mit einer Gruppe namens "Association Amis du Bois" in Le Mont produziert, weder über das eine noch das andere eingangs erwähnte Reizwort diesen ebenso wunderbaren, wichtigen wie höchst kurzweiligen Film gemacht. So viel zum voraus.

Armand Rouiller ist zunächst das Porträt eines nahezu 80jährigen Handwerkers aus dem französischsprachigen Teil des Wallis, der als einer der vermutlich letzten seiner "Zunft" für die ganze bäuerliche Talschaft und darüber hinaus Hornschlitten, Rechen, Sensen, Behälter für Wetzsteine und andere Gerätschaft aus Holz anfertigt.

Im ersten Teil des Films stellt Armand Rouiller einen Rechen her. Nachdem er die Zähne unten in der Küche beim Herd vorbereitet hat, geht er mit ihnen in seine Werkstatt hinauf, um sie dort auf ihre richtige Länge und Schräge zu bringen, den Rechenbogen herzustellen, Löcher hinein zu bohren, die Form des Stifts für die Richtung des Stiels festzulegen, diesen einzusetzen und ihn durch eine zurechtgebogene Tannenrute mit dem Rechenkamm zu verbinden.

Jacqueline Veuves hervorragender Kameramann Hugues Ryffel hat Armand Rouiller nicht nur über die Schultern geguckt. Jeder Arbeitsgang wird auch von der Beleuchtung her derart geschickt inszeniert und überlegt angegangen, dass die Sicht, die Perspektive und der Bewegungsspielraum sowohl der Kamera wie des tätigen Meisters an Anschaulichkeit das Optimum erreichen. Anders als in vielen anderen Reportagen über Handarbeit kommt es nie zu jener für alle Beteiligten ermüdenden Situation, in der eine in ihrer Tätigkeit sichtbar gestörte Person frontal zum Publikum die Arbeit zu erklären versucht, derweil die Kamera signalhafte Repräsentanz mimt und ein Kommentator schliesslich doch noch so drauflos schwadronieren muss, als verstünde er alles sowieso besser als der arme Tropf im Arbeitskittel.

Das Vorgehen der Filmenden richtet sich hier nach dem zu Filmenden und nicht umgekehrt. Das verleiht jeder auch nur geringen Geste die ihr zustehende Plausibilität- das willkürliche Netzen des Bleistifts zwischen den Lippen, das kurze, exakte Augenmass beim Anreissen der Rechenzähne, die entschiedenen Drehungen der Hand beim Einsetzen der Verstrebung zwischen Rechenbogen und Stiel. Die einzelnen Werketappen werden in ihrer funktionellen Mechanik ersichtlich. Während beispielsweise. beim Handbohren die Kamera vom Bohrloch hinauf zur kreisförmigen; bildfüllenden Drehbewegung schwenkt, fasst sie später die fix montierte Bohrmaschine starr ins Bild und hält lediglich die kurzen, ruckartigen Bolzenstösse innerhalb der Kadrierung fest.

Dass der Film auch im zweiten Teil bei der Herstellung eines Hornschlittens nicht an Spannung verliert, liegt wohl in der inneren Logik des wiedergegebenen Arbeitsprozesses, im Rhythmus und im schnörkellosen Gebrauch der filmischen Möglichkeiten begründet.

Indem die Kommentare Armand Rouillers, soweit ersichtlich, als Direktton vom Drehort nachsynchronisiert wurden, gewinnen sie an zusätzlicher Griffigkeit, ohne dadurch etwas von ihrem originären Timbre einzubüssen. Gegenstand der Rede bilden etwa die Eigenschaften verschiedener Holzarten, deren Gewinnung und Zubereitung, der beschränkte Einsatz von Maschinen und der richtige Gebrauch der Werkzeuge ("voilà"), darüber hinaus aber auch knappe, klar gehaltene Hinweise auf die sozialen Verhältnisse Armand Rouillers und seiner Frau ("Das Geld fiel nicht den Schornstein hinunter"), auf den Arbeitsaufwand und den Verdienst ("Es glaubte zwar jüngst einer, 130 Franken für 25 Arbeitsstunden seien zu viel" und zeitbedingte Erscheinungen ("Früher stellte ich das Werkzeug zum Teil selber her" - "Der Forstwart sagte kürzlich, Holz habe wegen des Plastiks bald keinen Wert mehr"). Die Glaubwürdigkeit all dieser Aussagen geht aber stets vom Bild, dem Ton und der sachbezogenen Abfolge aus. Der eingebundene Zeigefinger der rechten Hand Armand Rouillers erübrigt zum Beispiel zwar unfreiwillig, aber selbstredend lange Referate über die Unfallgefahr.

Zu hören ist in allen Nuancen das Hämmern, das Feilen, das Sägen oder das klappernde Geräusch des Bleistifts beim Anzeichnen und Abmessen der Rechenzähne auf ihre Länge. Für einmal scheint sich das oft lärmende, flüchtige Fastfood- und Revolverküchen-Kino in eine vermeintliche Werkstatt verwandelt zu haben.

Sicher nicht von ungefähr erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an Henri-Georges Clouzots Picasso Porträt "Le mystère Picasso" (1956), das, um einen Satz von Tibor de Viragh (ZOOM 13/85) zu zitieren, vorerst auch "nicht den Menschen Pablo Picasso und dessen Biographie, sondern den Kunstschaffenden beim kreativen Akt zum Thema hat". "Warum sollte das bei so profanem Handwerksgerät ("zum Arbeiten, nicht zur Dekoration") nicht auch der Fall sein?

Jacqueline Veuve stellt Armand Rouiller mit seiner Arbeit und seinem meisterlichen Geschick in Beziehung zu seiner vertrauten Umgebung: der Werkstatt, dem Haus, dem Waldstück, dem Hang, und wohl auch zur Stille und zur Zeit. Armand Rouiller definiert sich durch das, was er tut. Bezeichnendes Detail dieser integrierten Beziehung von Tun und Sein:. Bevor er nach einem getätigten. Handel vor dem Haus in seine Werkstatt zurückkehrt, lokalisiert ein "coup d'œil" seine Welt: Chenarlier, am rechten Ufer der Viège.

Dies alles und noch viel mehr registriert der Film liebevoll, präzis, und mit einer gewissen Poesie, aber ohne falsche Sentimentalität oder nostalgische Manieriertheit. Armand Rouiller findet, nüchtern betrachtet, keinen Nachfolger. Sein Haus liegt auf der Schattenseite. Er wird, er sagt es selber, schlecht bezahlt. Die Losung "Ohne Fleiss kein Preis" ist hohl. Ein Quervergleich zu Lucienne Lanaz' "Feu, fumée, saucisse" (1976) ist angebracht.

Wenn Jacqueline Veuve ihren Film schliesslich mit einer ergreifenden Passage aus Rossinis "Petit messe solennelle" ausklingen lässt, bleibt Armand Rouiller mit seinem mit Holz beladenen Schlitten zuletzt und in einiger Distanz in der unteren Mitte des Bildes. Die damit zum Ausdruck gebrachte Eingebundenheit seiner Lebensäusserung durch Arbeit hat ihre gebührende Entsprechung ohne Pathos auch in der formal und inhaltlich unprätentiösen Geschlossenheit dieses Films gefunden.

Aus: Zoom, Zürich. 3/1988.

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