Über «Briefe aus Stalingrad»

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Lettres de Stalingrad
(Letzte Briefe aus Stalingrad)
Buchet/Castel

Paris 1957, 1997

 

Aus den Briefen

NB: Die gesamten Texte, die im Film erscheinen, finden sich auf der französischen Detailseite.
  

(Aus dem Brief 3)

« .... Das mußt Du Dir aus dem Kopf schlagen, Margarete, und Du mußt es bald tun. 
Ich lese aus jedem Deiner Briefe den Wunsch, mich bald bei Dir zu sehen. Es ist gar nicht so verwunderlich, daß Du Dich danach sehnst. Ich warte ja auch, und zwar leidenschaftlich, auf Dich. Dieser Umstand macht mich nicht so unruhig, sondern daß im Hintergrund und zwischen den Zeilen ein Verlangen wartet, nicht nur den Mann und Geliebten, sondern den Pianisten wieder bei sich zu haben. Das spüre ich sehr deutlich. ...
Ich habe oftmals den Verdacht, daß ein stiller Vorwurf gegen mich erhoben wird, so, als ob ich schuldig sei, nicht mehr spielen zu können. Das wolltest Du doch hören. Und darum bohrtest Du solange in Deinen Briefen um Klarheit, die ich Dir besser und lieber persönlich gegeben hätte. ...
Ob ich noch einmal zu Dir sprechen kann, weiß ich nicht, darum ist es ganz gut, wenn diese Post in Deine Hände gelangt und Du es bereits weißt, wenn ich eines Tages auftauche. Die Hände sind hin, schon seit Anfang Dezember. An der linken fehlt der kleine Finger, noch schlimmer ist es, daß an der rechten Hand die drei mittleren Finger erfroren sind. Ich bin ziemlich hilflos, und man merkt es erst, wenn einem die Finger fehlen, wie sehr man sie bei den kleinsten Verrichtungen gebraucht. Am besten kann ich noch schießen mit dem kleinen Finger. Die Hände sind hin. Ich kann doch nicht mein ganzes Leben schießen, wenn ich zu etwas anderem nicht mehr zu gebrauchen bin. Ob es vielleicht zum Förster langt? Das ist Galgenhumor. Und ich schreibe es auch nur, um mich zu beruhigen.
Kurt Hahnke, mir ist so, Du kennst ihn aus dem Kollegium aus 37, hat auf einem Flügel in einer kleinen Seitenstraße am Roten Platz vor acht Tagen die Appassionata gespielt. So was erlebt man nicht alle Tage, direkt auf der Straße stand der Flügel. Das Haus ist gesprengt worden, aber das Instrument haben sie wohl aus Mitleid vorher herausgeholt und auf die Straße gestellt. Jeder Landser, der vorbeikam, hat drauf rumgehämmert, und ich frage Dich, wo stehen auch sonst Klaviere auf der Straße. Ich habe es schon geschrieben; am 4. Januar hat Kurt unerhört gespielt. ...
Ich werde diese Stunden bestimmt nicht wieder vergessen. Dafür sorgen schon die Art und der Rahmen des Publikums. Schade, daß ich kein Schriftsteller bin, um das in Worte zu kleiden, wie die hundert Landser in ihren Mänteln hier herumhockten, mit Decken über dem Kopf; überall bummerte es, aber keiner ließ sich stören, sie hörten Beethoven in Stalingrad, auch wenn sie ihn nicht verstanden. Ist Dir nun wohler, da Du die volle Wahrheit weißt? »